Einleitung

Zyklon B wurde von den Dessauer Werken für Zucker und chemische Industrie (kurz: Fine) und den Kaliwerken Kolin für die Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.H.) produziert. Ein weiterer Produzent war Sufomi in Frankreich. Einige Zulieferfirmen sind bekannt. Die Degesch war zwar eine Verkaufsagentur, besaß aber das Patent zur Herstellung von Zyklon B. Anteilseigner der Degesch waren die I.G. Farben (42,5%), die Degussa (42,5%) und der Theo-Goldschmidt Konzern (15%). Lieferfirmen der Degesch waren Heerdt-Lingler (kurz: Heli) und Tesch und Stabenow (kurz: Testa).

Schema Firmenverpflechtungen Zyklon-B Produktion (PDF)

IG Farben

Damals

“(I.G. Farben), Frankfurt/Main, bis 1945 größter deutscher Chemiekonzern; gegründet 1925 nach Fusion der Vorläufergesellschaften Bayer AG, BASF AG und Hoechst AG. Die Kooperation der I.G. Farben mit dem nationalsozialistischen Regime, von der die I.G. Farben durch die Arisierung und Eingliederung von Unternehmen, die Rekrutierung von Zwangs- und Fremdarbeitern, die Ausbeutung von KZ-Häftlingen profitierte, wurde 1947/48 vor einem amerikanischen Militärtribunal (I.-G.-Farben-Prozess) verhandelt; von den angeklagten 23 leitenden Vertretern des Konzerns wurden 13 zu Haftstrafen verurteilt.

Das Giftgas Zyklon B wurde von der Degesch hergestellt, an der die I.G. Farben maßgeblich beteiligt war. 1945 beschlagnahmten die vier Besatzungsmächte das gesamte Konzernvermögen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden die Werke zur Reparation demontiert oder in Volkseigentum überführt. In den Westzonen verfügten die Alliierten 1950 die Entflechtung der I.G. Farben, worauf 1952 zwölf Gesellschaften entstanden: u.a. Agfa AG, BASF AG, Cassella Farbwerke, Mainkur AG, Chem. Werke Hüls AG, Bayer AG, Hoechst AG, Dynamit Nobel AG.” (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Heute

“Die seit Jahren geforderte Auflösung der I.G. Farbenindustrie AG in Liquidation (auch I.G. Farbenindustrie AG in Abwicklung) und die Verwendung des gesamten Restvermögens für eine Stiftung zur Entschädigung von Opfern scheiterte bisher am Widerstand der Liquidatoren und des Aufsichtsrats.” (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

Am 10. November 2003 hat die IG Farben i.A. Insolvenz angemeldet.

Die Gläubiger werden in dem Insolvenzverfahren vermutlich keine Verluste erleiden, weil die Vermögenswerte die rund 28,2 Millionen Euro Außenstände abdeckten, sagte der zweite Liquidator, Otto Bernhardt. Für die Aktionäre, aber auch für Entschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter bleibe vermutlich kein Geld übrig.

Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.H. (Degesch)

Damals

Die Degesch war eine der führenden Firmen auf dem Gebiete der Schädlingsbekämpfung und hatte als alleinige Vertriebsfirma von Zyklon B während des Krieges eine Monopolstellung inne. Gesellschafter der Degesch waren die Degussa mit 42.5%, die frühere IG-Farben-Industrie mit 42.5% und die Th. Goldschmidt AG in Essen mit 15% Anteilen an dem Stammkapital. Die Degesch war eine Vertriebsgesellschaft. Sie besaß zwar Maschinen und Patente, ihre Produkte aber wurden von anderen Firmen hergestellt. So wurde das Zyklon B für die Degesch von den »Dessauer Werken für Zucker und Chemische Industrie« und den »Kaliwerke AG« in Kolin (CR) fabriziert. Für den Verkauf ihrer Produkte bediente sich die Degesch zweier Hauptvertretungen, der Firmen Testa und Heli. Diese beiden Firmen kauften die Mittel von der Degesch und rechneten mit ihr ab.

Heute

»Die Detia Degesch GmbH hat sich spezialisiert auf die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb von Schädlingsbekämpfungsmitteln im Vorratsschutz und im Haushaltsinsektizidbereich und verfügt über ein Angebot von intelligenten Lösungen. Weltweit produzierend in fünf Betriebsstätten (Chile, Mexiko, Südafrika, USA, BRD) und exportierend in mehr als 120 Länder.« (Quelle: Homepage Detia Degesch GmbH)

Homepage der Degesch-Nachfolger

Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa)

Damals

Die Degussa mit Sitz in Frankfurt (Main) war mit 42,5% Anteilseigner der Degesch. Nachgewiesen ist, dass sie auch den Juden geraubtes Gold und Silber verarbeitete. So forderte sie aus dem Ghetto Lodz Edelmetalle »aus jüdischem Besitz« an, und bemühte sich aktiv um solche Aufträge.

Heute

»Degussa-Hüls AG, weltweit tätiges Chemie-unternehmen (auch Edelmetallaktivitäten), entstanden 1998 durch Zusammenschluss von Degussa AG (gegründet 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt) und Hüls AG (gegründet 1938); Sitz: Frankfurt am Main; Mehrheitsaktionär: E.ON AG. Im Februar 2001 wurde die Fusion mit der SKW Trostberg AG zur Degussa AG (Sitz: Düsseldorf), einem der weltweit größten Spezialchemieunternehmen (Proforma-Umsatz 1999: 14 Mrd.DM, Beschäftigte: 63000)« (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

Seit 2006 ist die Degussa AG Teil der Evonik AG.

Tesch und Stabenow (Testa)

Die Firma »Tesch und Stabenow, Internationale Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.h., Hamburg« (kurz: »Testa«), war eine Vertriebsfirma an der die Degesch die Mehrheit der Anteile hielt. Ihr Büro befand sich im Messberghof Hamburg, einem roten Backsteinbau zwischen Bahnhof und Hafen. Die Testa war zuständig für die Belieferung von Zyklon B in nördlich und östlich der Elbe (Linie Kuxhaven über Öbisfelde bis Plauen) gelegene Gebiete. Damit war sie für fast sämtliche Lieferungen an KZ’s verantwortlich, insbesondere für die Belieferung des KZ’s Auschwitz. Zusätzlich lieferte Testa aber auch alles Zubehör, einschließlich Gasmasken und Filtereinsätze.

Die Testa wurde 1924 gegründet. Firmenchef war Dr. Bruno Tesch. Am 30.3. 1945 wurde das Büro der Testa durch einen Bombenangriff zerstört. Nach 1945 bestand die Testa fort. Schon 1947 hatte sich eine Schädlingsbekämpfungsfirma namens »Technische Entwesungsstation« ins Handelsregister eintragen lassen, Kürzel wiederum Testa. Die Degesch bedankte sich bei dem von der britischen Militärregierung beauftragten Abwickler, daß der Neuaufbau der Tesch & Stabenow-Nachfolgefirma »unter Wahrung so vieler materieller und ideeller Werte gelungen« sei. (Quelle: (c) DER SPIEGEL 11/1999)

Die »neue Testa« fusionierte 1979 unter finanzieller Beteiligung der Degesch mit der »Heli«.

Heerdt-Lingler (Heli)

Am 24.8.1925 gründete Johann Lingler, (von Beruf Kaufmann und Prokurist der Degesch), zusammen mit Walter Heerdt, (Chemiker und Mitentwickler von Zyklon B), die Firma »Heerdt-Lingler« (Heli) in Frankfurt/Main. Anteilseigner war die Firma Degesch, ab 1931 zu 51%.

Heli war für die Belieferung von Zyklon B der Gebiete westlich der Elbe zuständig. 1941 trat Dr. Heerdt, der Geschäftsführer, dessen Familie politische Probleme mit der Wehrmacht hatte, aus »gesundheitlichen Gründen« zurück. Im Jahre 1943 beschäftigte die Heli 31 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Heli belieferte die KZ’s Mauthausen, Buchenwald und Dachau. 1944 wurden die Geschäftsräume bei einem Bombenangriff zerstört. Die Firma zog gemeinsam mit der Degesch, deren Büros ebenfalls zerstört wurden, nach Friedberg um.

Am 22.11.1946 wurde Dr. Heerdt wieder Geschäftsführer. Die Firma bestand fort und fusionierte 1979 unter finanzieller Beteiligung der Degesch mit der »Neuen Testa«.

Dessauer Werke für Zucker und chemische Industrie AG

Die »Dessauer Werke für Zucker und chemische Industrie AG«, im Volksmund »Fine« genannt, waren der größte Hersteller von Zyklon B.

Am 11.09.1921wurde die Fine gegründet. Zu ihr gehörte auch die Dessauer Zuckerraffinerie (DZR), die bereits seit 1871 existierte. Aus der bei der Entzuckerung der Rübenmelasse anfallenden Schlempe, stellte man dort weitere Produkte her, später darunter auch Blausäure. Ab 1924 produzierte man daraus Zyklon B. Sobald das Zyklon in Büchsen fertig verpackt war, ging es in das Lager der Degesch über. Der Versand war Angelegenheit der Degesch. Auch Teile der Maschinen und Anlagen gehörten der Degesch.

Im März 1944 fallen erstmals Bomben auf die Dessauer Zuckerraffinerie und beschädigen diese schwer. Am 07.03. 1945 wurde die Produktionsanlage und das Lager durch Luftangriffe vollständig zerstört. Eine Produktion war nicht mehr möglich.

Nach dem Krieg ging die Fine wieder in Produktion und wurde 1948 enteignet. Sie hieß nun »VVB Zuckerrafinerie Dessau« und ab 1952 »VEB Gärungschemie Dessau«. In Jahr 1951 wurde die Anlage zur Herstellung von Zyklon B nach alten Plänen wieder aufgebaut und produzierte bis in die 60er Jahre hinein das Produkt unter dem Namen Cyanol.

Kaliwerke Kolin

Ab 1935/36 wurde Zyklon B auch von den Kaliwerken AG in Kolin hergestellt. Während die Degussa am Dessauer Werk nicht beteiligt war, besaß sie über ihren 51% Anteil an der »Chemischen Fabrik Schlempe GmbH« in Frankfurt am Main eine Beteiligung von 6,7% an den Kaliwerken Kolin. Kolin erreichte circa ein Drittel der Zyklon-Produktion Dessaus.

Sofumi

Die französische Historikerin Annie Laccroix-Riz berichtet in dem 1999 in Frankreich erschienen Buch »Industriels et Banquiers sous l’Ocupation« von einem weiteren Poduktionsstandort: »…Ich hatte entdeckt, das Zyklon B auch in Frankreich hergestellt wurde, in dem Gemeinschaftsunternehmen SOFUMI der Deutschen Degussa und der französischen Durferrit-Sofumi in Vilers Saint-Sepulcre.«

Dieses Gemeinschaftsunternehmen basierte auf Geschäftsbeziehungen, die schon vor der Besetzung Frankreichs und der Kollaboration der dortigen Industrie mit den Faschisten bestanden. Über die Produktionsmenge und die Lieferorte ist allerdings noch wenig bekannt.

Die Zulieferfirmen

Zulieferfirmen waren Firmen für Weißblech (woraus die Büchsen hergestellt wurden), dem Trägermaterial, dem Stabilisator und dem Warnstoff der Blausäure.

  • Dosenhersteller: Fa. Schmalbach aus Braunschweig
  • Träger- oder Saugmaterialieferant: Korksteinwerk Coswig
  • Stabilisator: Eine Fabrik der I.G. Farben in Uerdingen produzierte den Stabilisator für das Zyklon. Außerdem war diese Fabrik einer der wichtigsten Kampfstoffpoduzenten des zweiten Weltkrieges. Es stellte die chemischen Kampfstoffe Adamsid und Diephosgen her.
  • Warnstoffproduzent: Scharing AG Berlin